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Thorsten Weiß: Der Antimoderne für Deutschland

Berlin  – Als ich Thorsten Weiß zum ersten mal höre, spricht der Berliner Landesvorsitzende der Jungen Alternative im November 2015 auf einer AfD-Demonstration  gegen die Asylpolitik der Bundesregierung vor dem Roten Rathaus. „Wir haben eine Jugend“, ruft er den Zuhörern zu, „die von allem den Preis kennt und von nichts den Wert“. Sicher eine Plattitüde; aber sie verfehlt ihre Wirkung nicht. Kein Wunder, dass Insider aus seinem Verband ihm mehr zutrauen, als nur die Jugendorganisation auf Landesebene zu führen.

Seinen älteren Mitstreitern hat er voraus, dass er nicht nur ein knallhartes AfD-Programm vertritt. Er vertritt das knallharte AfD-Programm gefährlich eloquent und leidenschaftlich. Die Feindbilder des talentierten Demagogen sind Kinderlosigkeit, Hedonismus und Konsum.


„Durch Konsum verblendet und vom Pazifismus unterworfen, leidet unsere Gesellschaft an moralischer Überheblichkeit und naivem Gutmenschentum.“ (Thorsten Weiß auf Facebook)

Hinterzimmer in Nordwestberlin, Ledersofa mit Patina, es wird Tee serviert. Bei der ersten direkten Begegnung sieht Weiß exakt so aus, wie auf dem Pressefoto der AfD-Jugendorganisation. Akkurater Scheitel, sauber gestutzter Dreitagebart, Deutschlandflagge am Revers. Er studiert Betriebswirtschaftslehre, arbeitet bei einem Verband als Referent und hat zuvor eine Offizierlaufbahn in der Panzertruppe begonnen.

Aufstellung

In wenigen Tagen ist Landesparteitag. Die Junge Alternative Berlin  hat Weiß auserkoren, sie ihm Landesvorstand der Mutterpartei zu vertreten. Termin nach Termin. Unser Zeitbudget ist entsprechend knapp. Wenn Thorsten Weiß über die Strategie der Partei spricht, über Wahlkampfoptionen, dann wirkt er kontrolliert, wägt ab.

„Es kann nicht schaden, wenn wir  als angebliche Professorenpartei ein studentischeres Gesicht bekommen.“

Ob er einen Platz auf die Landesliste für die Abgeordnetenhauswahl im September 2016 anstrebt, möchte ich wissen. Nach der letzten Forsa-Umfrage für Berlin wäre die AfD mit  5% im Abgeordnetenhaus. Das war vor den Ereignissen der Silvesternacht in Köln. Jetzt dürfte die Zahl deutlich höher liegen. Das ist sicher.

Weiß hält sich bedeckt. Zunächst steht der Landesparteitag mit Vorstandswahlen an. Wenn die vorbei sind, sei die Zeit sich die Listenaufstellung im Februar oder März anzusehen. „Die Jugend der Partei wird sicher mit einer entsprechenden Vertretung auf der Landesliste Berücksichtigung finden müssen“, sagt er.“Jedenfalls kann es nicht schaden, wenn wir mit unserem Nimbus als angebliche Professorenpartei ein studentischeres Gesicht bekommen.“

Für den Wahlkampf kündigt Weiß drei Kernthemen an:  Die Innere Sicherheit, damit verbunden die Asyl-Einwanderungspolitik und die Bildungspolitik. Gerade in Berlin erwartet der Jungvorsitzende heftigen Gegenwind. Weiß zählt auf. Übergriffe auf Wahlkampfstände in den bisherigen Wahlkämpfen, eine Messerattacke auf ein ehemaliges Vorstandsmitglied der Jungen Alternative Berlin, den Brandanschlag auf das Auto der EU-Abgeordneten Beatrix von Storch.

„Wir müssen mit Diffamierungen, Drohungen und Gewalt gegen unsere Kandidaten und unser Material rechnen.“ Man erwäge sogar, zugunsten alternativer Werbeformen auf die Plakate zu verzichten. „Das kostet nur Geld.“ Am Ende werde das aber alles der AfD helfen, ist Weiß sich sicher.

Denn die AfD könne damit rechnen, dass sie gerade wegen der Anfeindungen Nichtwähler, „solche, die die Schnauze voll haben zurück in die Demokratie“ holt. „Wir haben massig Angriffspunkte, um Heimatlose zu binden.“

Ich werfe Björn Höcke in den Raum. Die nationale Skandalnudel mit den immer wieder provokanten Äußerungen müsste der Partei doch schaden. Davon will Thorsten Weiß aber nichts  wissen. „Björn Höcke ist die rechte Eckfahne der Partei. Die Masse der Partei befindet sich hingegen im Strafraum zwischen liberal und nationalkonservativ. Höcke ist nicht die AfD, aber ein wichtiger Teil von ihr.“

Auch bei Linkspartei und SPD will Weiß wildern. Schließlich sei die AfD die „Partei der kleine Leute“. Bei den klassischen Wählermilieus dieser Parteien wittert Thorsten Weiß Ängste vor Sozialkonkurrenz. Sie würden durch ihre eigenen Parteien im Zuge der Asylpolitik in Verdrängungskämpfe gestürzt.

Verteilungskämpfe und Demographie

Ich muss nicht nachhaken. Als er auf die Asylpolitik zu sprechen erwähnt Weiß sofort routiniert, dass er wie seine Partei Einwanderung nach kanadischem Modell befürworte. Man wende sich aber ausdrücklich gegen die Asylpolitik der Bundesregierung als Rezept gegen die selbst gemachte demographischen Falle.

„Die Menschen wollen nur noch:
Ich. Alles. Jetzt. Sofort.“

Was ihm denn stattdessen vorschwebe, frage ich. Weiß, der bisher wie ein echter Politiker Sprachregelungen gefolgt ist, kommt in Wallung. Es geht um sein Herzensthema, hier offenbart er sich als politischer Überzeugungstäter. Statt das demographische Loch mit Asylbewerbern zu füllen, müsse man Familien fördern.

Die Schuld für die niedrige Geburtenrate der Deutschen sucht Thorsten Weiß bei der Kultur. „Nehmen wir zum Beispiel die Sitcom Two and a Half Men. Da gibt es den geschiedenen Alan Harper, der sich um seinen Sohn kümmern muss, während sein Bruder Charlie die Zeit mit Sex und Ausschweifungen verbringt. Die Botschaft da ist doch: Wer heiratet und Kinder hat, ist selber schuld. Da muss man sich nicht wundern, wenn Menschen imitieren, was ihnen vorgelebt wird. Die Menschen wollen nur noch: Ich. Alles. Jetzt. Sofort.“

Zu Hilfe, Hedonismus!

Weiß ist in seinem Element. „Aber Kinder zu haben, eine Familie, bedeutet sich aufzuopfern. Das passt nicht zu einem hedonistischen Leben. Kinder sind anstrengend, machen Lärm und Dreck. Und wir brauchen sie alle.“

„Wir haben eine Jugend, die von allem den Preis kennt und von nichts den Wert.“

Nun hat Thorsten Weiß sich zu seinem Hauptfeind vorgearbeitet. Dem Hedonismus. „Ichbezogenheit“ ist ihm ein Gräuel.

Mich interessiert, wie ein 32jähriger zu so einer so düsteren Sicht auf seine Generation kommt. Weiß zieht seine persönliche Erfahrung heran, mit seinen Klassenkameraden und Altersgenossen. Die einen hätten Familie und häufig schon Kinder, seien überwiegend christlich, zumindest praktizierend. Die Masse sei aber alleinstehend und kinderlos. Ein ähnliches Phänomen habe er auch nach dem Abitur bei der Bundeswehr erlebt. Während seiner Offizierslaufbahn bei der Panzertruppe hätten die meisten kein Ideal mehr gehabt, kein Verständnis vom Dienst. „Auch wenn ich die USA sonst nicht so mag, eine Bereitschaft zum Ehrenamt, wie sie dort vorherrscht, fehlt uns.“

Das Unbehagen des Thorsten Weiß in einer modernen Welt

Wir kommen dem Unbehagen auf den Grund. Vor mir sitzt einer, der Politik macht, weil er sich in der Gesellschaft zutiefst unwohl fühlt. Thorsten Weiß hadert offenbar mit einer kompliziert gewordenen Welt und will wieder  überschaubarere Verhältnisse schaffen.

„Es gibt keine Bereitschaft zur Bindung“, fährt er fort. „Viele denken immer nur: Ich, Ich, Ich. Wozu soll ich noch Bindungen akzeptieren?“ Bindungen bedeuteten nämlich mehr Arbeit.  „Wenn der Job schon anspruchsvoll ist und er wird immer anspruchsvoller, wollen viele ansonsten ein leichtes Leben. Die Menschen fragen sich: Will ich mir das noch antun? Dagegen müssen wir vorgehen.“

Wie das im Einzelnen gehen soll, will ich wissen.

Wir wollen alternative Formen des Zusammenlebens zwar nicht einschränken, aber klar zeigen, was wir am besten finden.“

„Das ist ein Generationenprojekt und gehört in kein Wahlprogramm“, antwortet Weiß. „Man muss die eigenen Ideen vertreten und verbreiten, wie die 68er.“ Er bemüht eine Studie. Diese habe gezeigt, dass Fernsehsendungen mit einem bestimmten Familienbild Einfluß auf die Geburten hätten. Man müsse Kinder & Familien in der kulturellen Darstellung wieder als erstrebenswert fördern. „Wir wollen alternative Formen des Zusammenlebens zwar nicht einschränken, aber klar zeigen, was wir am besten finden.“

Für Thorsten Weiß soll der Weg vom Hedonismus zurück zur Gemeinschaft führen. Das Problem der Deutschen sei: „Nach den 68ern haben wir kein positives Gemeinschaftsgefühl mehr. Identität ist aber wichtig. Man braucht einen positiven Selbstbezug. Wir sollen alles lieben, uns selbst aber nicht. Das kann nicht gut enden.“


Thorsten Weiß formuliert ein Unbehagen an der Moderne und Rezepte dagegen, die leicht verfangen können bei den Abgehängten, den kleinen Leuten. Er kennt seine Klientel und wie sie tickt. Sein intellektuelles taktisches Verständnis der Lage hindert ihn nicht, sich bei Bedarf in einen begnadeten Demagogen zu verwandeln. Besonders dann wenn, er kaltblütig die Entfremdung linker Parteien und ihrer Wähler analysiert und gleichzeitig seine Herzensbotschaften glaubwürdig für diese Milieus transportiert. Das macht ihn und seinesgleichen so gefährlich für die traditionellen Parteien.

Von Linkspartei bis zur CDU fehlt ein Rezept mit dieser Art Aktivisten umzugehen, die mit Mitteln moderner Politik die Modernekritik salonfähig machen und brach liegendes Wählerpotential nutzen.

Die wütende Gegenwehr in der Aufarbeitung der Kölner Silvesternacht hat solche wie Thorsten Weiß bisher nur stärker gemacht. Werden nicht wirksame Gegenstrategien entwickelt, werden AfD-Politiker wie Weiß das gnadenlos ausnutzen. In der letzten Sonntagsfrage steht die AfD bereits zweistellig.


Nachtrag

Schon im November 2015 schrieb Spreemilieu-Autor Nils Kottmann über Thorsten Weiß in einem Artikel über eine Demonstration der Berliner AfD:

[Thorsten Weiß] war in jeder Hinsicht bemerkenswert. Seine Rede war im Gegensatz zu den vorigen in keinster Weise technokratisch. Er gehört zu den wenigen Konservativen, die das Erbe Goethes und Schillers beschwören und sie dann auch gelesen haben. Seine Rede durchschimmerte immer wieder der Eindruck, dass seine Weltanschauung auf einer stringenten, ideengeschichtlichen Philosophie beruht und nicht auf diffusen Ressentiments und Ängsten.

Außerdem hatte er die zynische Qualität, sein Publikum wenn nötig genauso zu verachten, wie seine Gegner. Wann immer er sein Publikum wegen seines hohen Anspruchs zu verlieren drohte, begann er seine Sätze so lange zu dehnen, bis sie auch der letzte Volltrottel kapiert hatte und wenn das Publikum sich langweilte, sprach er von «links-grün-versifften Gesinnungsideologen» und zog über «antiautoritäre Helikoptereltern» her, damit der Mob blöde kichern und klatschen konnte. Es war so eklig wie es faszinierend war. Sollte die AfD eine Zukunft haben, wird Thorsten Weiß ganz sicher dabei sein.

 

2 Gedanken zu “Thorsten Weiß: Der Antimoderne für Deutschland

  1. Ich hätte ja Verständnis dafür, wenn Fallenstein hier irgendwelche Inhalte verteidigen würde, sagen wir seinen persönlichen Hedonismus. Statt dessen zieht er sich auf die hohlsten aller Schlagwörter zurück und macht die „Moderne“ und die „Kompliziertheit der Gesellschaft“ zum Fetisch.
    Tut mir leid, aber weder die „Modernität“ noch die „Kompliziertheit“ einer Gesellschaft sind Werte an sich, für die ein vernünftiger Mensch irgendwelche Opfer bringt – sein eigenes Glück oder das Glück eines anderen opfert.

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